Nele - Das Zwinkern
“Alex? Du sollst morgen früh um 8 Uhr zur Kripo kommen. Zu einem Herrn Hanisch, Zimmer 48. Es ginge um Nele.”
Ann-Brit hielt eine Vorladung in ihren Händen und da Alex die letzten Tage in der Klinik verbrachte, wachte sie über die Tagespost und die beiden blieben in telefonischer Verbindung. Alex dankte ihr, berichtete von der Genesung Neles und dass sogar Bruder Michael, der Priester vom Dorf, Ihr einen Besuch abgestattet hatte.
“Herr Hanisch? Sie haben mich einbestellt? Birkle mein Name. Es soll um die kleine Nele gehen.”
“Ja, richtig, kommen Sie herein. Wir haben höchstwahrscheinlich die Mutter der Kleinen gefunden. Kennen Sie diese Frau zufällig?”
Dabei schob er Alex ein paar Fotos über seinen Schreibtisch.
“Darf ich Sie zu einem Kaffee einladen?”
Kommissar Hanisch hielt schon die Kanne in der Hand und wartete auf eine Antwort von Alex, der sich jedoch sehr langsam auf den Stuhl setzte der vor Hanischs Schreibtisch wartete. Dabei hielt er in jeder Hand ein Foto und starrte auf die Bilder.
“Sie kennen die Frau?” “Ja, nein, ja, doch. Sie heisst Monique Zeichner.” “Woher kennen Sie sich?". “Sie war eine vom Viertel. Damals. Vor einigen Jahren.” “Naja, seit einiger Zeit ist sie wohl keiner mehr vom Viertel. Wir haben sie auf einer Parkbank gefunden, völlig verwahrlost und zugedröhnt. Momentan befindet sie sich in der Klinik und mit denen habe ich heute morgen schon telefoniert. Aids im Endstadium. Es geht dem Ende zu. Sie sollten sich mit dem Jugendamt in Verbindung setzen damit Nele einen Heimpl...”
Hanisch unterbrach abrupt seinen eigenen Satz, stellte seine Kaffeetasse auf eine Akte, die auf seinem Schreibtisch lag und wandte sich Alex zu.
“Ey, Mann, was ist denn mit dir los?”
Flüsternd, eher selbst zu sich sagend kam über die Lippen von Alex: “Nele wäre dann... Das kann nicht.... meine Tochter...?”
Wie ihn Trance verliess Alex das Kommissariat. Kommissar Hanisch lies ihn gehen.

Nele
hielt die Hand von Alex sehr fest und ihr Kopf ruhte
an seinem Oberkörper. David und Ann-Brit, der
Jugendamtsleiter Herr Schries, Doktor Frank und
Kommissar Hanisch standen mitten in einer Traube von
diversen illustren Damen und mehr oder minder fein
angezogenen Herren. Bruder Michaels Rede schloss mit
den Worten:
Unser Herr hält
stets unsere Hand.
Amen

Sonnenstrahlen
erleuchteten das kleine Kreuz das auf dem Sarg ruhte.
Es schien als ob eine Frau das letzte Mal ihrem Kind
und dem Mann, den sie einst liebte, zuzwinkern
würde.
Nele - Übergabe
Nele - eine Geschichte von einem Mädchen,
das sich in dieser Welt verlor und wiedergefunden ward. Wahr? Unwahr?
Wer weiss das schon so genau.
Das schien David zu weit zu gehen und ehe er Luft holen konnte, um der Schwester die Leviten zu lesen, stand er schon mitten in einem Aufzug. Vor ihm waren zwei Pfleger positioniert, die in ihrer Mitte einen leeren Rollstuhl hüteten. David wurde mit kräftiger Hand in den Rollstuhl mehr gestossen, als gesetzt und die Pfleger erhielten von der Krankeschwester das Kommando den Patienten in die Notaufnahme zu begleiten. Dabei drückte sie kraftvoll und bestimmend den Aufzugsknopf und winkte den drei Männern.
David stiess fluchend auf Alex, Ann-Brit und Nele, die in einem kleinen Wartezimmer des 9. Stockes ihre Zeit verbrachten. Bevor Alex auf David zugehen konnte, stand Frank im Zimmer.
“Dann kommt alle mal in meine gute Stube hinein.”
Ann-Brit, die die ganze Zeit noch neben dem Koffer von Nele das kleine Köfferchen von David getragen hatte, stellte diesen auf den Schreibtisch von Frank. David deutete mit einer Hand auf den Koffer, mit der anderen fingerte er sein Pflaster auf der Stirn ab. “Hier, Ihr Geld für die Operation von dem Kind!” Frank begann breit zu grinsen.
“Sie sind doch dieser kapitalistische Arzt vom Parkplatz, Sie Lump. Was grinsen Sie eigentlich so deppert?” Frank sagte mit ruhiger Stimme: “David, du hast dich nicht geändert! Wer von uns beiden deppert ist, bleibt dahin gestellt, denn ich bin in meinem ganzen Leben noch nie an einen Laternenpfahl gedonnert.”
David`s Brustkorb schwoll zu einem Konter an. “Ach, sind wir schon ...?” Er hielt jedoch mitten im Satz inne. Weiter kam er nämlich nicht, da Alex ihm ins Wort fiel:
“Ja, David, wir sind schon bei Frank, dem Arzt von Nele und deinem früheren Bekannten.”
Ein verlegenes Lächeln huschte über Davids Gesicht.
Das Gespräch über den Ablauf von Neles bevorstehender Operation wurde eröffnet und im Anschluss danach gingen alle auf eine Station. Eine nette Krankenschwester wies der kleinen Patienten ihr Bett zu und stellte einen kleinen blauen Teddy auf das Nachtschränkchen.
“Der wird dich die ganze Zeit beschützen und wenn du wieder nach Hause gehst, kannst du ihn mitnehmen.”
Nele sah Alex mit grossen Augen an, hob ihren kleinen Zeigefinger an ihre kleine Stirn und deutete anschliessend auf den Teddy.
Ihre Augen wanderten an die gegenüberliegende Wand. Dort hing ein Kreuz. Dabei lächelte sie zufrieden. Alex klappte recht umständlich das Gästebett auf, denn er wollte die nächsten Nächte nicht von Neles Seite weichen.
Ann-Brit und David fuhren wieder auf den Hof und David verschwand in seinem Zimmer.
Am nächsten Nachmittag klingelte das Telefon und Alex berichtete, dass die Operation von Nele soweit gut verlaufen sei. Sie läge nun auf der Intensivstation.

“Soll ich dich
holen?”
“Nein, ich bleibe
hier, wie besprochen..”
Mitautor:
Moishele
Fortsetzung folgt
Nele - Parkplatzsorgen
Nele - eine Geschichte von einem Mädchen,
das sich in dieser Welt verlor und wiedergefunden ward. Wahr? Unwahr?
Wer weiss das schon so genau.
David liess Ann Brit stehen und ging schnurstraks in sein Zimmer. Als seine Zimmertür in ihr Schloss fiel, fühlte sich David fast erleichtert. Langsam ging er ans Fenster, öffnete es und besah sich die Sterne am dunklen Nachthimmel. Seine Augen füllten sich mit Wasser als seine Gedanken, durch das alte Foto und den Brief angeregt, in die Vergangenheit wanderten.
Alexander hielt Nele in seinen Armen, Ann-Brit trug zwei Koffer, einen grösseren für Nele und einen kleinen Koffer von David, der mehr recht wie schlecht lustlos hinter dem Menschentrio über den riesigen Klinikparkplatz hinterher schlurfte.
Ein lautes “Au” liessen Alex und Ann-Brit synchron nach hinten schauen. David hielt sich die Hand vor sein Gesicht und zwischen den Fingern quoll Blut hervor. Ein Mann eilte zu den Dreien und besah sich Davids Gesicht.
“Das sieht nicht gut aus, Sie müssen genäht werden. Haben Sie denn nicht die Laterne gesehen?” Zu Ann-Brit sagte der Herbeigeeilte: “Sie sollten in Zukunft auf ihren Vater besser aufpassen. Ich bringe ihn zur Notaufnahme. Dabei kann auch gleich eine Untersuchung wegen einer möglichen Alzheimer Erkrankung in die Wege geleitet werden.”
“Ersten, du Depp, bin ich noch nicht in dem Alter, dass du mir Alzheimer an den Hals wünschen kannst, zweitens ist das nicht meine Tochter und Drittens, ich verabscheue Nadeln. Wer bist du eigentlich, du... du... Quaksalber!” David legte lauthals los, so dass sich auch andere Passanten, die sich auf dem Parkplatz befanden, zu der kleinen Menschengruppe hin umdrehte.
“Ohja, darf ich dich erst einmal begrüssen, du alter Hase?” Dabei streckte Doktor Frank David seine Hand entgegen, der jedoch mürrisch draufschlug und an Frank einfach vorbeiging.
“Der will ja nur seine Betten vollmachen, dieser Abzocker! Ein Pflaster reicht!”
Alex begab sich mit Ann-Brit an die Anmeldung, um einige Papiere für die Verwaltung abzugeben. Eine vorbeigehende Krankenschwester wandte sich zu David, der verzweifelt ein Taschentuch aus seiner Hosentasche ziehen wollte.
“Lassen Sie mich mal schauen! Herrjemieneeeh!! Das sieht wirklich schlimm aus. Wie haben Sie das bloss geschafft? Kommen Sie mit mir, das muss genäht werden!”
Dabei schob sie David schon vor sich her, Richtung Aufzug. Er wiederum grummelte, ob alle Krankenschwestern solch Plaudertaschen wären, jedoch fing er sich die rechte Antwort ein:
“Noch ein Ton, dann veranlasse ich, dass Sie eingeschläfert werden!”

Das
schien David zu weit zu gehen und ehe er Luft holen
konnte, um der Schwester die Leviten zu lesen, stand
er schon mitten in einem Aufzug. Vor ihm waren zwei
Pfleger positioniert, die in ihrer Mitte einen leeren
Rollstuhl hüteten. David wurde mit kräftiger Hand in
den Rollstuhl mehr gestossen, als gesetzt und die
Pfleger erhielten von der Krankeschwester das
Kommando den Patienten in die Notaufnahme zu
begleiten. Dabei drückte sie kraftvoll und bestimmend
den Aufzugsknopf und winkte den drei Männern.
Mitautor:
Moishele
Fortsetzung folgt
Nele - Der Brief
Nele - eine Geschichte von einem Mädchen,
das sich in dieser Welt verlor und wiedergefunden ward. Wahr? Unwahr?
Wer weiss das schon so genau.
David sog tief Luft in seine Lungen, dabei dehnte sich sein eh schon mächtiger Brustkorb noch mehr auseinander und kringelnde Brusthaare lugten keck aus seinem Hemdausschnitt. Mit Bekräftigung schleuderter er Alex entgegen: “Alex? Ich erspare mir somit viel Nerven und vor allem schmälert diese Situation nicht mein Bankkonto.”
Beide Männer sahen sich an und grinsten dabei. Davids Humor schien jede noch so verfahrene Situation zuretten.
Die alten hölzernen Stufen stöhnten erbärmlich unter den Schritten von David. David sollte in Neles Zimmer übernachten, weil Alex freundlicherweise Nele in sein Schlafzimmer verlegt hatte, wobei er selbst in der Küche schlafen wollte.
Im ersten Stock angelangt, sah David dass noch Licht aus Ann-Brits Zimmer schaute und als er an ihrer Tür vorbei ging, um in sein Zimmer zugelangen, öffnete sich die Tür einen Spaltbreit. “David?” “War unsere wunderschöne Ann vorhin nicht schon schläfrig?” “David? Ich möchte dich bitte etwas fragen.” “Jo? Es scheint dringend? Nur zu!” Ann Brit hielt ihm ein altes schwarz-weiss Bild und einen vergilbten, zerknitterten Brief entgegen.
“Kennst du diese Menschen auf dem Bild und weisst du etwas von diesem Brief?” Davids Hand streckte sich nur langsam dem Bild und dem Brief entgegen und sein Blick sah gebannt auf das kleine Foto, das aus einer anderen Zeit zustammen schien. Es war ein älteres Paar abgebildet, das von vielen anderen Personen verschiedenen Alters umringt war.

Davids Brustkorb hob sich bedrohlich an, danach
schweiften seine Augen über den Brief. Fast
überstürzt schob er beides wieder in die Hand von Ann
Brit und schnaubte, sie solle ihn damit in Ruhe
lassen.
“David! Du
bist ein Nachkomme dieser Familie, richtig?”
David stand
wie angewurzelt da und brachte kein Wort
heraus. “David”,
sagte Ann Brit sehr leise, “David, es
tut mir leid, wirklich!” Dabei legte sie ihre
rechte Hand auf seinen linken Unterarm.
“Du bist es
also tatsächlich?” Dabei betonte sie das Wort
“tatsächlich” recht stark mit ihrer Stimme.
David liess Ann Brit stehen und ging schnurstraks in
sein Zimmer. Als seine Zimmertür in ihr Schloss fiel,
fühlte sich David fast erleichtert. Langsam ging er
ans Fenster, öffnete es und besah sich die Sterne am
dunklen Nachthimmel. Seine Augen füllten sich mit
Wasser als seine Gedanken, durch das alte Foto und
den Brief angeregt, in die Vergangenheit wanderten.
Mitautor:
Moishele
Fortsetzung folgt
Nele - Männergespräch
Nele - eine Geschichte von einem
Mädchen,
das sich in dieser Welt verlor und wiedergefunden
ward.
Wahr? Unwahr?
Wer weiss das schon so genau.
Die drei Erwachsenen lachten daraufhin und gingen
nach unten in die Küche. Das Auspacken der Kartons
schien in Vergessenheit geraten zu sein. Beim
gemeinsamen Essen beobachteten Davids Augen die neue
Untermieterin von Alex sehr genau und auch sie schien
von David begeistert. Sie und der Besucher
schlenderten anschliessend mit ihren Dessertschüsseln
in den Händen im Garten umher und unterhielten sich
angeregt.
“Bir? Wir sind schon
zwei arme Socken!” Bir lag vor dem Kamin auf
ihrem Teppich und schaute Alex beim Abwasch zu.
“Also Ann Brit ist ja
schon eine wirklich angenehme Persönlichkeit!”
David stand plötzlich mitten in der Küche und füllte
diese mit seiner Körpergrösse fast vollständig aus.
Sein Arm ruhte auf Ann Brits Schulter. Alex drehte
sich langsam von seinem Abwasch weg, Richtung der
Davidschen Stimme. Er schaute die beiden an und es
begann in ihm zubrodeln.
Ann Brit verabschiedete sich flüchtig, weil es nach
ihrer Meinung nach schon spät war und sie am nächsten
Tag Erledigungen zu tätigen hätte. Beide Manner waren
nun bei einem Glas Wein alleine und es entstand ein
Männergespräch. Über die Ereignisse von Nele, ihre
bevorstehende Operation, über die Arbeit von Alex in
den letzen Monaten hier am Hof und das Gespräch kam
auch auf Ann Brit.
“Nein, keine Bange, mein
Junge, sie ist zwar eine wunderbare Frau, doch du
weisst, ich bin sehr wählerisch.”
“Das ist gelogen, das
weisst du auch! Du bist nicht wählerisch, David! Es
wundert mich sowieso, dass du hier bist. Hast du die
Absicht über die Grenze zufahren? Könntest sie ja
drüben besuchen oder ihr könntet euch treffen, oder
so....”
Einige Minuten des Schweigens lag in
der Luft und David entgegnete mit sehr fester Stimme,
dass er nur wegen Nele gekommen wäre. Er wollte auch
Frank nach all den Jahren wieder sehen, da er durch
die Angelegenheit mit Nele auch ihn wiedergefunden
hätte. Hinzu käme noch, dass David die anfallende
Klinikrechnung bei Frank in bar begleichen wolle und
auch hätte er nicht die Absicht die Frau zutreffen,
für die sehr still sein Herz schlug.
“David! Weiss sie es
eigentlich?”
“Wozu? Es
hat so sein müssen, dass es sich die letzte Zeit
herauskristallisierte, dass sie es nicht werden
wird... die Frau an meiner Lebensseite.”
David sah in sein Glas und schwenkte den Inhalt
nachdenklich umher. Alex sah seinen väterlichen
Freund dabei sehr genau an und schwieg. Kaum hörbar
kam nach einer Weile:
“Du scheinst über diese
Entwicklung von euch beiden nicht erfreut?”
Ein langgezogenes: “Och” eröffnete ein weiteres
Statement von David: “Weisst, der Herr im Himmel weiss,
was er macht.”
Jedoch in Davids Stimme lag
Traurigkeit: “Werd`ich
nun sterben einsam auf den Hügeln über dem gelobten
Land, ohne Frau und Schelle am Finger.”
Nun hob er nicht nur das leere Weinglas gegen die
Deckenlampe, sondern er hob auch die Stimme ein klein
wenig mehr an und es schwang Belustigung in seinen
Worten mit: “Kann ich
wenigstens gehen, wohin ich will, hab`auch kein
geifernd Weib am Herd, muss nicht hören ihre Schelte
und nicht zahlen für ein Haus.”
David sog tief Luft in seine Lungen, dabei dehnte
sich sein eh schon mächtiger Brustkorb noch mehr
auseinander und kringelnde Brusthaare lugten keck aus
seinem Hemdausschnitt. Mit Bekräftigung schleuderter
er Alex entgegen: “Alex?
Ich erspare mir somit viel Nerven und vor allem
schmälert diese Situation nicht mein
Bankkonto.”
Beide Männer sahen sich an und grinsten dabei. Davids
Humor schien jede noch so verfahrene Situation
zuretten.
Mitautor: Moishele
Fortsetzung folgt
Nele - Umzugskisten ade
Nele - eine Geschichte von einem Mädchen,
das sich in dieser Welt verlor und wiedergefunden ward. Wahr? Unwahr?
Wer weiss das schon so genau.
Alex rollte erst mit seinen Augen, danach grinste er über das ganze Gesicht und zog Ann Brit sachte in seine Arme. Ihr Kopf lag nun auf seinem Brustkorb.
“Macht nichts, ich dagegen mag meine Artgenossen auch lieber. Die sind nicht so zickig wie ihr!”
Ann Brit löste sich von Alex und boxte ihm im Spass auf seine Brust, er hingegen zwickte sie in den Oberarm. Beide lachten.
“Scheisse, wo kommst du denn her?” Alex hielt in einer Bewegung inne und ihm lief es vor lauter Schreck eiskalt den Rücken hinunter - so erschrocken war er als er die Gestalt mitten in Ann Brits neuem Zimmer stehen sah.
“Bitte, von draussen, wenn`s Recht ist, von draussen!”
Ann Brit hielt im Auspacken von ihren Umzugskartons wie Alex inne und sah einen gross gewachsenen, braun gebrannten, sehr gut gekleideten Mann mit einem schäbig braunen Lederkoffer in der Linken mitten im Türrahmen stehen. Die braunen lustigen Augen des Besuchers wanderten interessiert durchs Zimmer.
“Mein Klopfen wurde leider missachtet, daher dieses Eindringen! Ich hoffe doch stark, dass meine Wenigkeit nicht störend auf eure Turtelei sich auswirkt.”
“Mensch David! Oh David!” Alex liess ein kleines Päckchen in den Umzugskarton fallen und ging auf David zu. Beide Männer fielen sich vor Freude in die Arme und klopften sich in männlicher Manier gegenseitig immer wieder auf die Schultern.
“Dürfte ich erfahren, welcher Herr sich in mein neues Zimmerlein verirrte?” Ann Brit sagte diesen Satz sehr schelmig und ging auf David zu, der sich wiederum zu der für ihn in der Körpergrösse recht kleinen Frau hinunterbeugte und sie genau musterte.

“Shalom,
kleine Frau. So ist`s Recht, endlich hat der Bursche
hier ein anständiges Weib gefunden.”
Davids
Zeigefinger deutete auf Alex und kurz darauf lagen
sich auch David und Ann Brit freundschaftlich in den
Armen. “Alex?
Diese Frau ist genau richtig. Sie hat nicht nur
charakterliches Format, sondern auch ihr Format ist
für jedes grösseres Handgepäck geeignet.”
Die drei Erwachsenen lachten daraufhin und gingen
nach unten in die Küche. Das Auspacken der Kartons
schien in Vergessenheit geraten zu sein. Beim
gemeinsamen Essen beobachteten Davids Augen die neue
Untermieterin von Alex sehr genau und auch sie schien
von David begeistert. Sie und der Besucher
schlenderten anschliessend mit ihren Dessertschüsseln
in den Händen im Garten umher und unterhielten sich
angeregt.
Heute:
Mitautor: Moishele
Fortsetzung
folgt
Nele - Das Geständnis
Nele - eine Geschichte von einem Mädchen,
das sich in dieser Welt verlor und wiedergefunden ward. Wahr? Unwahr?
Wer weiss das schon so genau.
“Bitte, Gnädigste, Ihr zukünftiges Reich.”
Ann Brit knickste belustigend und stand dicht vor Alex. Beide spürten den Atem des anderen, so nahe standen sie voreinander. Ihre Blicke versanken ineinander.
“Nein, Ann, mit mir nicht.” Alex ging abrupt einen Schritt zurück. “Hallooo? Habe ich irgend etwas in diese Richtung gesagt?” Entgegnete Ann Brit verärgert. “Nein, das nicht, nur diesen Schlangenblick von euch Weibern kenne ich und ich habe die Schnauze gestrichen voll von irgendwelchen....” konterte Alex recht barsch.
Weiter kam er nicht, denn Ann Brit unterbrach ihn. “Alex?” entgegnete sie ihm energisch, lehnte sich dabei mit dem Rücken an den Türpfosten und sah auf den Boden. “Ich sollte dir fairerweise etwas beichten!”
Der breite männliche Körper, der vor wenigen Augenblicken noch ganz dicht bei ihr stand, beugte sich nach vorne und neugierige Männeraugen sahen die Frau, deren Gesicht vom letzten Abendlicht umrahmt wurde, geduldig an.

“Ich gehöre
nicht zu den Frauen, wie du sie kennst. Ich habe es
nämlich im Moment nicht so mit euch Kerlen.”
Alex rollte
erst mit seinen Augen, danach grinste er über das
ganze Gesicht und zog Ann Brit sachte in seine Arme.
Ihr Kopf lag nun auf seinem Brustkorb.
“Macht
nichts, ich dagegen mag meine Artgenossen auch
lieber. Die sind nicht so zickig wie ihr!”
Ann Brit löste sich von Alex und boxte ihm im Spass
auf seine Brust, er hingegen zwickte sie in den
Oberarm. Beide lachten.
Wie
wird die Nacht mit den beiden enden?
Fortsetzung folgt.
Nele - Zimmer frei?
Nele - eine Geschichte von einem Mädchen,
das sich in dieser Welt verlor und wiedergefunden ward. Wahr? Unwahr?
Wer weiss das schon so genau.
Alex und Ann Brit sassen draussen auf ihrer Bank vor dem Haus im Abendlicht. Gemeinsam genossen sie noch eine Tasse Kaffee. Der Wind huschte sanft um die Ecke und die Schwalben in der Luft zogen ihre Kreise.
“Ich habe dir ein Angebot zu unterbreiten.”
“Ja?”
“Du hast doch hier im Obergeschoss sogenannte Gästezimmer, nein, eher Zimmer, die du kostenlos zur Verfügung stellst. Ich dachte mir nun, ich ziehe hier bei dir ein und gebe dir jeden Monat ein Mietgeld.”
Alex sah Ann Brit perplext von der Seite an, verschluckte sich auch beinahe an seinem Kaffee und entgegnete, dass er nur zwei Zimmer hätte. Eines davon wäre nun Neles kleines Kindernest und wenn das zweite Zimmer Ann Brit bekäme, es keinen Platz mehr für Bedürftige hätte.
“Ich bin auch bedürftig”, kam es wie aus der Pistole geschossen und Alex lachte lauf auf.
“Du? Du bist alles andere als bedürftig.”
“Stimmt nicht ganz. Mir haben sie nämlich die Wohnung in der Stadt gekündigt. Es sollen Eigentumswohnungen enstehen und leider ist mein Gehalt nicht so hoch, dass ich mir die zukünftige Wohnung dort leisten könnte. Im Moment ist der Wohnungsmarkt sowieso mehr als grandios. Du siehst, ich suche ernsthafr eine neue Bleibe, warum dann nicht mein Geld an einen bedürftigen Vermieter zahlen?”
Nun lachten beide und planten die Vorgehensweise des Umzuges. Ann Brits Dienstplan und der Operationstermin von Nele, ihre anschliessende einzuplanende Genesungszeit und noch andere Erledigungen sollten wohl durchdacht sein. Ansonsten könnte etwas in Vergessenheit geraten oder ein Chaos entstehen. Alex öffnete Ann Brit die Zimmertür:
“Bitte, Gnädigste, Ihr zukünftiges Reich.”
Ann Brit knickste belustigend und stand dicht vor Alex. Beide spürten den Atem des anderen, so nahe standen sie voreinander. Ihre Blicke versanken ineinander.
Fortsetzung
folgt
Nele - Franky Boy
das sich in dieser Welt verlor und wiedergefunden ward. Wahr? Unwahr?
Wer weiss das schon so genau.
Er trug Nele in seinen Armen an die Tür. Der Arzt stand mit auf und ging um seinen Schreibtisch herum und hielt Alex am Arm fest.
“Sagen Sie mal, irgendwie kommen Sie mir bekannt vor, auch weil...., weil.... in welchem Tonfall Sie mit mir gesprochen haben. Ich kenne das!”
Alex kniff die Augen zusammen und blickte den Arzt Hasserfüllt an.
“Nimm deine Dreckspfoten von mir, sonst brauchst du mehr als nur einen Zahnklempner!”
“Alex! Du bist Alex! Jetzt fällt es mir wieder ein! Wir waren zusammen in Angola, erinnerst du dich? Mensch, Alex, du altes Kanonenrohr!”
“Angola? Mh, Angola. Und wie heisst du, du arrogantes Arschloch?”
In der Stimme von Alex lag eher Missmut und Abfälligkeit gegenüber dem Arzt.
“Steht am Türschild. Peters. Frank Peters. Wir hatten damals einen gemeinsamen Einsatz. Wir sollten diesen Minister Bugu Bambuli samt Familie aus seinem Land retten. Den hatten die Rebellen im Ministerium festgenagelt. Du musst dich doch erinnern!”
Alex musterte den Mann der direkt vor ihm stand von unten nach oben und umgekehrt.
“Frankl. Der Frankl. Jetzt dämmert es im Hirn. Mann, du bist aber mehr als nur fett geworden.“

“Hey, nicht
so frech, Alex! Du scheinst dich wirklich nicht in
den vielen Jahren gebessert zu haben. Hier meine
Karte, rufe mich an und dann kommst du mit deiner
Familie zum Grillabend. Meine Frau wird sich sicher
freuen.”
Frank steckte seine Visitenkarte in die linke obere
Hemdtasche von Alex und klopfte ihm freundschaftlich
auf die Schulter. Danach verschwand der Mann mit dem
Kind auf dem Arm in den Gängen des grossen
Klinikums.
Fortsetzung
folgt
Nele - Abgeblitzt?
Nele - eine Geschichte von einem Mädchen,
das sich in dieser Welt verlor und wiedergefunden ward. Wahr? Unwahr?
Wer weiss das schon so genau.
Der Küchentisch wurde zum Laufsteg erkoren und Alex kam aus dem Staunen über so viel tolle Kinderkleidung nicht heraus. Nele machte es sichtlich Freude ihre neuen Sachen fachfrauisch vorführen zu dürfen. Alex und Ann Brit applaudierten auch tatkräftig. Bir stöhnte hin und wieder gelangweilt.
“Wir haben sämtliche Untersuchungen abgeschlossen und nächste Woche würden wir die Operation durchführen können.” Alex sass mit Nele im Zimmer des leitenden Arztes der Universitätsklinik. “Aufgrund der Zähne könnte das Kind ungefähr acht Jahre jung sein. Alle Milchzähne werden von uns soweit möglich gereinigt, die Vereiterungen im Kiefer werden wir operativ entfernen. Wir müssen ihr den Kiefer dafür aufschneiden. Wenn der Heilungsprozess gut verläuft kann sie in sechs Wochen ein Schnitzel kauen. Wir haben im Grunde Glück, denn die zweite Zahngeneration wird erst durchstossen, wenn sie älter ist.”
Sichtlich müde rutschte das Kind Nele auf dem Schoss von Alex ungeduldig hin und her. Den ganzen Vormittag liefen Untersuchungen und sie hielt tapfer durch.
Der Arzt schob Alex einen Umschlag über seinen Tisch und sagte nachdrücklich:
“Doch ohne Zahlungseingang keine Operation, das muss Ihnen klar sein!”
Alex wurmte die Arroganz seines Gesprächteilnehmers und entgegnete entsprechend:

“Wissen
Sie, es sind mir schon panischere Leute unter
gekommen. Keine Angst, ihr bekommt euren Kies schon.
Aber dafür werdet ihr euren Job an der Kleinen so
machen, als ob es eure eigenen Zähne wären. Ansonsten
braucht ihr selbst einen Zahnklempner!”
Er trug Nele in
seinen Armen an die Tür. Der Arzt stand mit auf und
ging um seinen Schreibtisch herum und hielt Alex am
Arm fest.
Wird es zwischen den beiden Männern Streit geben?
Wird das Geld rechtzeitig in der Klinik ankommen?
Fortsetzung folgt.
Nele - Das Kreuz
Nele - eine
Geschichte von einem Mädchen,
das sich in dieser Welt verlor und wiedergefunden
ward. Wahr? Unwahr?
Wer weiss das schon so genau.
Die Eingangstür wurde plötzlich aufgestossen und
zuerst war ein riesiger Karton zu sehen, dahinter
eine lange schwarze Kutte. Bruder Markus stand
schnaubend mitten in der Küche und stellte polternd
einen Karton auf dem Küchentisch ab.
“Was machst du denn
hier? Hast du aus deinem Kloster Ausgang oder
wie?”
“Witzel nicht, in
meinem Alter ist man dankbar noch auf eigenen Beinen
stehen zu dürfen, Grüss Gott im übrigen.”
Ann Brit schaute neugierig in den offenen Karton und
fischte sogleich ein pinkfarbenes kleines Shirt
heraus.
“Oh! Kinderkleider!
Schaut mal, wie niedlich!!” Nach und nach fingerte sie Jeans,
Jacken, Shirts, Mütze, bunte Söckchen heraus, hielt
sie in die Luft, drehte, wendete und befühlte sie.
Bruder Markus erzählte dabei, dass es sich im Dorf
herumgesprochen hätte, dass Alex nun Ersatzvater wäre
und da habe die alte Bäuerin vom Heidehof am letzten
Sonntag einen Aufruf zu einer Spende getätigt. Dieser
sei auch jeder Bürger im Dorf nachgekommen, wie man
sehen könnte.
“Übrigens, ich
vermisse euch Sonntags und bitte, ihr beide lebt
hoffentlich nicht wild miteinander.”
Dabei erhob der Mönch
mahnend den Zeigefinger. “Sind Sie die Mutter
des Kindes?”
“Zweimal ein `nein`,
werter Herr Mönch,” entgegnete Ann Brit, die ihm einen
frisch gebrühten Kaffee hinstellte.
“Markus, Bruder
Markus. Ich bin beruhigt, dass Sie und Alex nicht
wildern.” Dabei
lachte er und fingerte sich eine Zigarette aus der
auf dem Tisch liegenden Schachtel.
“Ich
darf doch wieder einmal, dort lassen sie mich ja
nicht. Irgendwie habe ich das Gefühl, ich bin im
falschen Orden gelandet. Rauchen darfst du nicht,
aber das Wort des Herrn predigen sollst du -
verkehrte Welten.”
Der Pater lachte herzerfrischend auf und sog den
Rauch der Zigarette tief in seine Lungen ein. Wie
selbstverständlich blieb Bruder Markus zum Abendbrot.
Als Nele in die Küche kam, blieb sie wie angewurzelt
stehen und stierte auf den Besucher. Sie machte eine
Kehrtwendung, rannte nach oben in den ersten Stock
und kam auch rennend wieder in die Küche hinunter.
Ihre Hand legte das Holzkreuz, das in ihrem Zimmer an
der Wand hing, zaghaft auf den Tisch. Ihr kleiner
rechter Zeigefinger krubbelte am Holz.
Bruder Markus zog sein Kreuz, das er an einer langen
Kette um den Hals trug spontan langsam aus und legte
es neben Neles Kreuz. Auch er hielt seine Finger über
seinem Kreuz.

Nicht nur Alex war über die Reaktion von Nele
perplext, sondern Ann Brit hielt buchstäblich die
Luft an. Keiner wusste nun so genau, wie mit dieser
Situation umzugehen sei. Bir, die vor der Kommode
lag, schien die Lage erkannt zu haben und gähnte
Herzzerreissend. Neles Blick fiel auf Bir und sofort
war die Stimmung im Raum sichtlich aufgelockert.
Anscheinend war Nele nun ausgeschlafen und so wie Ann
Brit die Situation einschätzte, hatte die Kleine sich
selbstständig gewaschen und angezogen. Das gemeinsame
Essen verlief harmonisch und die Atmosphäre war
entspannt. Nach dem Abschied von Bruder Markus
unternahmen Ann Brit und Nele eine Modenschau.
Der Küchentisch wurde zum Laufsteg erkoren und Alex
kam aus dem Staunen über so viel tolle Kinderkleidung
nicht heraus. Nele machte es sichtlich Freude ihre
neuen Sachen fachfrauisch vorführen zu dürfen. Alex
und Ann Brit applaudierten auch tatkräftig. Bir
stöhnte hin und wieder gelangweilt.
Wird die Operation
für Nele durchführbar sein?
War die Unterstützung der Dorfgemeinschaft
uneigennützig oder verbirgt sich etwas hinter der
Hilfe?
Fortsetzung folgt.
Nele - Einfluss von Geld
Nele - eine Geschichte von einem Mädchen,
das sich in dieser Welt verlor und wiedergefunden ward. Wahr? Unwahr?
Wer weiss das schon so genau.
“Ich kenne keinen, der mehr Humor hätte als den dort oben und sein Bodenpersonal auf Erden scheint in der Tat sehr gesegnet zu sein.”
Ann Brit, die das Telefonat strickend in der Ecke des kleinen Büros mit anhörte, bat um Aufklärung über die rätselhaften Worte von ihm und er erzählte ihr, dass er aus seiner militärischen Zeit einen Freund hätte. Damals waren sie aufgrund eines Einsatzes Feinde, doch dieser “Feind” rettete ihm einmal das Leben. Das war der Beginn einer schon seit Jahren existierenden Freundschaft und nun würde er ihm und Nele finanziell behilflich sein wollen.
“Wo ist eigentlich Nele, ich habe sie heute morgen noch gar nicht gesehen!”
In diesem Moment schoss Bir nach oben und stellte sich breitbeinig vor Alex. Er traute seinen Augen nicht als er hinter Bir`s Rücken sah, dass Nele zusammengekauert in der Hundehütte schlief.
“Bir, Bir, Biiiiir!” sagte Alex im ruhigen Ton beschwichtigend und eindringlich zu dem Hund. “Ich tu dir oder Nele nichts!!” Bir schien die Worte nicht zu stören, im Gegenteil. Sie stellte ihre Nackenhaare auf und ihre oberen Fangzähne waren unübersehbar. Alex wich zurück, um ihr genug Raum zugeben, sprach gleichzeitig weiterhin ruhig und besänftigend auf den Hund ein. In gebührendem Anstand setze er sich ins Gras und konnte die gesamte Situation gar nicht fassen.
Nele schlief in Bir`s Hütte und Bir bewachte das Kind, so, als ob sie ein Anrecht auf dieses Menschenkind erhob. Alex war im Grunde erleichtert, denn wenn Nele abgehauen wäre, so wie es ihm im ersten Moment durch den Kopf schoss, wäre ein Problem mehr vorhanden. So brauchte er nur warten, bis Nele ausgeschlafen hätte. Hund und Kind - ein wahnsinniges Gespann.
“Alex?! Telefon!” Rief Ann Brit`s Stimme aus dem Haus in den Garten. Als er aus dem Gras aufstand, um ins Haus zu gehen, sagte er zu der Hündin, dass er ihr alles zugetraut hätte, nur nicht diese vehemente Verteidigung für Nele. Im Grunde war er stolz auf seinen Findelhund. Alex ergriff den Hörer.
“Ja, was gibt es?”
“Ich bin es, David. Um es kurz zu machen, ich habe mit dem Klinikleiter in Luzern telefoniert. Er ist ein sehr offener Kollege und er bittet dich, morgen früh schon zu einer Untersuchung mit Nele vorbeizukommen. Danach wird mir eine medizinische Aufstellung von Diagnose, Therapie, sowie den Kosten zukommen. Die Klinik wird sofort eine Bankbestätigung von mir erhalten, danach ergeht meine Anweisung.”
Alex konnte die Worte seines Freundes noch nicht fassen. Weiter hörte er:
“Ich habe Kollegen von Europolice eingeschaltet. Was ich von dir brauche ist ein Foto von Nele, kannst du mir das heute noch per Mail schicken?”
“Ähm, ja, klar...” kam die stotternde Antwort.
“Es werden mit Hilfe dieses Fotos und einer genauen Beschreibung des Kindes alle umliegenden Grenzländer kontaktiert und dann müssen wir halt warten was passiert.”

Es
war still in der Leitung. “Alex? Bist du noch
dran?”
“Ja, klar, ich bin
nur platt!”
“Ja, das wird schon.
Habe keine Sorge.”
“Aber das dauerte
doch eben nicht einmal eine Stunde!”
“Kannst mal sehen,
wie schnell Geld wirken kann,” lachte David
schelmig ins Telefon. Alex war nach dem Telefonat
sichtlich bewegt, ging langsam die Treppe hinunter
und erzählte Ann Brit, die in der Küche beschäftigt
war, von dieser wunderbaren Neuigkeit.
Die Eingangstür wurde plötzlich aufgestossen und
zuerst war ein riesiger Karton zu sehen, dahinter
eine lange schwarze Kutte. Bruder Markus stand
schnaubend mitten in der Küche und stellte polternd
einen Karton auf dem Küchentisch ab.
Wer ist Bruder
Markus?
Kann Nele wirklich geholfen werden?
Fortsetzung folgt.
Nele - Der Anruf
Nele - eine Geschichte von einem Mädchen,
das sich in dieser Welt verlor und wiedergefunden ward. Wahr? Unwahr?
Wer weiss das schon so genau.
Kein Amt wollte nur einen Millimeter von seinen Paragrafen abrücken. Das hatte Alex bisher noch nie erlebt und musste sich selbst die Frage nach dem “warum” stellen. Bisher waren sowohl Sachbearbeiter wie auch die einzelnen zuständigen Amtsleiter kooperativ. Egal, mit welchen Anliegen er kam. Die Dinge regelten sich auch im Laufe der einzelnen Prozesse von selbst.
War ein Betroffener “clean”, suchte er zuerst leichte Tätigkeit in der Arbeitswelt, um in den Rhytmus des Alltages eintauchen zu können und die notwendigen unterstützenden finanziellen Aufstockungen waren in solchen Zeiten genauso wenig ein Problem, wie ein dringender Arztbesuch ohne Krankenschein. Dieser wurde einfach den zuständigen Stellen nachgereicht. Doch im Falle von Nele schien sich die ganze Behördenwelt gegen das Kind verschworen zu haben.
Alex telefonierte herum, er fuhr persönlich zu den Ämtern hin und mailte, doch nichts half. Das Kind war weder Krankenversichert, noch konnte es an der örtlichen Schule angemeldet werden. Die polizeilichen Recherchen ergaben bisher auch nichts. Niemand schien das Mädchen zuvermissen. Alex rief in seiner Not einen Freund an.
“Hi, Alex hier. Hast du einen Augenblick Zeit?”
Am anderen Ende kam ein dunkles, ausgeglichenes, langezogenes “Mh” zurück.
Aus Alex sprudelte sofort die Geschichte von Nele heraus. “... und wenn ihre Zähnchen nicht gerichtet sind, dann wird sie einen sehr schweren Start in der Schule haben. Kinder sind untereinander sehr grausam und sie muss in die Schule. Ich begreife das alles nicht, warum sie alles abblocken. Das Einzigste, was denen Recht wäre, wenn sie in ein Heim käme, doch sie ist für meine Begriffe psychisch noch nicht so stabil, dass sie einen Wechsel verkraften würde. Sie beginnt ja erst im Moment zu mir Vertrauen aufzubauen und so wie ich ihre Persönlichkeit einschätze, würde sie in einer neuen Einrichtung abhauen. Dann kann die Sitte oder die Drogis sie wieder auflesen. Sie sähe einen Wechsel als Vertrauensbruch an. Ich habe im Moment den ganzen Scheisse satt. Ehrlich! Bist du eigentlich noch dran?”
Wieder ein dunkles und ruhiges “Mh” am Ende der Leitung.
“David, sag, was denkst du zu alle dem? Herrgott noch einmal, sag doch was, irgendetwas!”
“Gib mir einmal die Adresse von der Klinik, der Krankenkasse, die Namen der dort zuständigen Sachbearbeiter, wir übernehmen die Kosten für die Beisserchen halt eben privat. Da kannst du gleich sehen, wie schnell die Kollegen ein Bett frei haben für sie.” Drang es sehr trocken am anderen Ende der Leitung in das Ohr von Alex hinein.
Alex fiel fast der Hörer aus der Hand, als er das Angebot von seinem Freund am anderen Ende der Leitung hörte und schrie beinahe laut in den Hörer:
“Du willst das privat zahlen? Weisst du, was das kosten kann?”
“Ja, besser das überflüssige Geld in die Zukunft eines kleinen Menschen zu spenden, als davon ein paar unsichere Aktien an der Börse einkaufen. Sei ganz beruhigt, wir schaukeln das Kind schon und das im wahrsten Sinne des Wortes.”
Als das Telefonat beendet war, lehnte sich Alex im Stuhl zurück und schüttelte überwältigt den Kopf.
“Was ist mit dir?”
Alex hatte die Augen geschlossen und hob den Zeigefinger in Richtung der Zimmerdecke.
“Ich kenne keinen, der mehr Humor hätte als den dort oben und sein Bodenpersonal auf Erden scheint in der Tat sehr gesegnet zu sein.”
Ann Brit, die das Telefonat strickend in der Ecke des kleinen Büros mit anhörte, bat um Aufklärung über die rätselhaften Worte von ihm und er erzählte ihr, dass er aus seiner militärischen Zeit einen Freund hätte. Damals waren sie aufgrund eines Einsatzes Feinde, doch dieser “Feind” rettete ihm einmal das Leben. Das war der Beginn einer schon seit Jahren existierenden Freundschaft und nun würde er ihm und Nele finanziell behilflich sein wollen.
“Wo ist eigentlich Nele, ich habe sie heute morgen noch gar nicht gesehen!”

Alex
ging zwei Türen weiter. Sein Büro lag auch auf der
ersten Etage. Er schaute in Neles Zimmer, doch sie
war nicht dort. ‘Sie ist
ab...!!’ schoss es Alex durch
den Kopf und rannte die Holztreppe vom ersten Stock
nach draussen in den Garten. Ihm wurde siedenheiss im
Innern und als er ihren Namen brüllte, drehte er sich
dabei selbst im Kreise. Seine Augen jagten suchend
hin und her. Bir lag vor ihrer Hütte und zwischen
ihren Pfoten umfasste sie den kleinen Stoffelch, den
Nele vor wenigen Tagen geschenkt bekommen
hatte.
“Scheisse!”
sagte er
eher leise zu sich selbst, ging auf Bir zu und wollte
das Stofftier aufheben.
Wo ist Nele
geblieben?
Werden die Ämter die Hilfe von David akzeptieren?
Fortsetzung folgt
Nele - Ravioli wachsen im Garten
Sehr langsam lenkte Ann Brit ihren Wagen die holprige Strasse hinauf, die auf den kleinen Berg führte. Es war eine wunderschöne Gegend. Die Tannen bogen ihre Spitzen im Wind, Vögel zwitscherten um die Wette, Hasen schienen sich Wettläufe auf den Feldern zu geben. Rehe, die am Waldesrand ästen, hoben nur kurz ihren Kopf um zu schauen, wer hier entlang gefahren kam.
Endlich hatte sie das kleine Anwesen erreicht und sie sah Alex an der Wäscheleine stehen. Sie erkannte die kleine Jeans und den bunten Pullover wieder, die dort an der Leine im Wind flatterten und nur zögerlich stieg sie aus dem Wagen. Alex drehte sich zu ihrer Richtung hin um und ging auf sie zu. Nun machte sich Unsicherheit in Ann Brit breit.
“Wo ist dein Kollege?”
“Radeln. In den Alpen. Wir haben eine Woche Dienstfrei.”
“Habe die Klamotten von ihr ausgebessert und gewaschen,” sagte Alex mit wichtiger Stimme. “Sie kann ja nicht immer mit meinem übergrossen Shirt herumlaufen.”
Dabei strich er mit der Rechten über den Hosenstoff, so, als ob er prüfen wollte, ob sie schon trocken sei.
“Stört dich mein Besuch?”
“Ja,” entgegnete Alex unwirsch und verschwand im Haus. Ann Brit schleppte einen Karton in die Küche und stellte ihn entkräftet auf den wackeligen Tisch.
“Ich habe eingekauft.”
Alex drehte sich um und sah sie erstaunt an, deutete auf den Karton und raunzte:
“Ich kann das aber nicht bezahlen. Ich hätte nie so viel einkaufen können von den paar Kröten, die mir bleiben. Ihr Bürgerlichen seit alle gleich. Wendet eure Masstäbe auf alle anderen eurer Mitmenschen an! Ohne Nachzufragen ob das eigentlich in Ordnung ist.”
Drastisch entgegnete sie barsch: “Du? Ich habe eingekauft und will auch kein Geld ersetzt bekommen und ich bin nicht wie andere, merk dir das!”
“Du hast ja Haare auf den Zähnen,” bemerkte Alex flappsig und klappte einen Deckel vom Karton zurück. Er pfiff zwischen die Zähne und hob eine Dose Ravioli hoch.
“Nobel geht die Welt zu Grunde, aber so einen Scheiss machen wir hier selbst. Teig, Hasenfleisch mit Spinat aus dem Garten als Füllung und genüsslich essen. Komm mal mit mir, du grosszügige Bügerliche!”
Alex nahm Ann Brit an die Hand und zog sie aus dem Haus hinaus, weiter auf einen kleinen Weg, der um das Haus herum gelegen war, bis sie beide vor einem Zaun standen.
“Das, meine liebste bürgerliche Konsumtante, das ist Leben und dort wachsen auch die Ravioli.”
Dabei deutete er in eine Ecke des umzäunten Gartens.
“Prima, aber das sind keine Ravioli, die du dann kochst, sondern Maultaschen. Ravioli sind mit Tomatensosse. Ätsch!”
Alex verzog das Gesicht und er musste sich nun entscheiden ob er nun innerlich beginnen sollte, sich über ihre Keckheit zu erbosen oder ob er über die ganze Angelegenheit laut lachen sollte. Er entschied sich für ein murmelndes:
“Weiber...” und stapfte davon.
Ann Brit kam wutentbrannt wieder in die Küche und sah, wie Alex den leeren Karton auf den Boden stellte. Den Inhalt sah sie jedoch nicht. Bevor sie Luft für eine Wortattacke holen konnte hörte sie ein kleinlautes
“Danke.” Nach einer Pause: “Und du willst wirklich keine Kohle dafür?”
“Nein, warum auch? Ich wäre aber einer Einladung ‘Ravioli a la Alex’ nicht abgeneigt.”
Grinsend legte sie den Kopf zu Seite. Alex holte schweigend einen Topf, zwei Dosen Ravioli, die er schon in den Vorratsschrank verstaut hatte, öffnete sie, schüttete den Inhalt in den Topf und stellte ihn auf den Herd.
“Umrühren kannst du wohl selbst, oder?"
“Du bist...”
Wieder stieg Wut in ihr hoch. Erst machte er ihr den Vorwurf, wegen des Einkaufes, dann liess er sie einfach am Zaun stehen und nun sollte sie noch selbst kochen? Er beugte sich zu ihr hinunter und warnte sie davor, was sie nun sagen würde, könne sie nie mehr rückgängig machen. Dabei grinste er, ging an ihr vorbei, hinaus aus dem Haus. So kochte Ann Brit die Ravioli Tellerfertig und rief Alex herbei.
“Bring die Kleine bitte mit, ja?”
Alex, Ann Brit und Nele sassen nun gemeinsam am Tisch. Nele ass nun schon mit Gabel und Löffel. Anscheinend hatte man es versäumt ihr die grundlegensten Tischmanieren zu erlernen. Sie lernte sehr schnell und Alex und sie stolzten um die Wette.
Bir lag mittlerweile wie selbstverständlich unter dem Küchentisch. Obwohl Alex Nele mit aller Gewalt nicht anschaute, registrierte er sehr wohl, dass Nele einzelne Ravioli laut lutschend von der Tomatensosse befreite und unter den Tisch verschwinden liess. Ann Brit grinste Alex verstohlen an.
Beide sassen nach dem Essen draussen vor dem Haus auf einer Holzbank und tranken Kaffee. Die Sonne tanzte mit ihrer letzten Kraft auf dem Schneebedeckten Gipfel der vor ihnen aufragenden Bergkette. Dunkle Schatten der in der Luft umherschwirrenden abendlichen Insekten malten ihre Kreise. Das kleine Bergflüsschen, das sich im Dickicht des Waldes tummelte, sang sein tägliches Lied über das Tal hinweg.
“Du warst beim Militär?”
Alex sah sie erstaunt an, fragte sich innerlich, woher sie das wisse und nickte.
“Machte dort meinen höheren Schulabschluss nach und war bei einer Spezialeinheit. Volle achtzehn Jahre meines Lebens lebte ich in der vielgepriesenen anständigen Gesellschaft.”
Alex schüttelte den Kopf, so, als ob er es selbst nicht fassen konnte.
“Wie ist es möglich, dass einer wie mit deiner Vergangenheit so eine Karriere beim Staat erleben darf?”
“Oh, das ist einfach. Klappe halten, fleissig sein und jeden Morgen daran denken, dass der Suppenteller, den sie dir hinschieben, dich satt macht. Ohne, dass du dafür die Mülltonnen der feinen Vorgartengesellschaft durchwühlen musst.”
Ann Brit sah ihn erschrocken an und schluckte. Eine Gänsehaut durchzog ihren Körper bei dem Gedanken, verfaultes Obst und die restlichen Tropfen aus einer Milchtüte trinken zu müssen, nur um nicht zuverhungern.
“Aber... du warst doch noch so jung! Du hast aus der Tonne gelebt? Von dem, was die anderen weggeworfen hatten?” fragte sie ungläubig erstaunt.
“Was denkst du denn? Das ist Realität. Denkst du allen Ernstes, jedem erginge es so prächtig, wie so manchem Massenbürger hier im Lande? Schau doch in die Hinterhöfe, gehe in die Schulen. Setze dich einmal zu einer Mutter, deren Lebensinhalt das Saufen ist und erlebe den Alltag ihres Kindes. Die meisten Kinder wissen nicht einmal was ein Pausenbrot ist. Diejenigen, die das “Sagen” im Land haben, die wissen nicht einmal dass es Löhne gibt, die unter der fünf Eurogrenze liegen. Denen ist doch gar nicht klar, wer ihnen das Klopapier und die Orangen in den Supermarkt karrt. Es interessiert sie auch nicht.
Die Masse, die dafür arbeitet, damit sie ihren kleinen Wohlstand erhalten darf, ist derartig beschäftigt mit sich selbst, dass sie keine Zeit mehr hat, die Schwemme der Informationen, die ihnen geboten wird, auszusortieren. Sie begreifen die Zusammenhänge des grossen Spieles nicht, weil sie vorgekaut bekommen, was sie zu lernen und vor allem, was sie zu glauben haben.”
Ann Brit war still geworden. Sie hätte Alex so viel Weitsicht und Wissen über die momentane vorherrschende Lebenskomplexität gar nicht zugetraut, nach alle dem, was sie über ihn bisher von anderen hören musste. Es schien, Alex wusste wesentlich mehr, als nur das, was sie bisher erfahren hatte.
“Wie bist du eigentlich dazu gekommen, Drogenabhängigen zu helfen, wenn ich dich das fragen darf?”
“Als ich von der ganzen Scheisse weggekommen bin, wurde mir klar, dass meine eigene Vergangenheit einen Sinn haben musste. An meinem Leben begann ich richtig zu hängen, als ich bei einem Einsatz einmal durchdrehte und mir das Leben von einem anderen gerettet wurde.”
Alex sagte danach sehr leise, dass nach allem, was hinter ihm lag, er ein Versprechen gab. Nämlich das Versprechen, denjenigen Menschen behilflich zu sein, die ihm auf seinen weiteren Lebensweg gestellt würden.
Nele kam plötzlich um die Ecke. In ihrem übergrossen Shirt sah sie wie ein kleines Gespenst aus. Ihre Hand hielt das Ohr von Bir, die an ihrer Seite mittippelte. Bir schaute zuerst Alex an, danach mit einem von unten nach oben gerichteten Seitenblick auf Nele. So, als ob sie den beiden auf der Bank sagen wollte, dass sie auf Nele aufpassen würde.
Nele steckte ihren Daumen in den Mund und begann an ihm zu nuddeln. Ihre Augen sahen müde aus. Bir hob dezent den Kopf zur Seite, setzte sich zögerlich in Bewegung und Nele folgte dem Hund Richtung Hundehütte. Dort legte sich Bir ab. Nele stand einfach nur da. Alex ging zu den beiden hin, nahm Nele mit den Worten, dass es Zeit zum schlafen wäre, auf den Arm und brachte die Kleine ins Bett.

Mittlerweile hatte Nele ein eigenes
Zimmer. Eines, in dem normalerweise betroffene
Hilfesuchende kostenfrei über die Zeit ihres
Drogenentzuges wohnten.
Ann Brit trat in das kleine neue Kinderzimmer und sah
einen Mann, der am Boden vor dem Bett hockte und es
sah so aus, als ob er aus einem Buch vorlas.
“Die Männer
jammerten: Wir haben aber nicht so viele Brote um die
Menschen satt zu machen und so viel Geld haben wir
auch nicht, damit wir genug Brot kaufen könnten. Da
winkte der nette Typ mit der Hand nur ab und auf
einmal waren alle Brotkörbe mit gaaaanz
viel
Brot gefüllt und jeder Fan bekam eine Schnitte. So
wurden alle Menschen satt!”
Ann Brit ging sehr leise die Treppe hinunter und
spitzte dabei die Ohren. Irgendwoher kam ihr diese
Geschichte bekannt vor, doch sie konnte sich nicht
erinnern, woher.
In der Küche kochte sie noch einen Tee und sie und
Alex redeten fast die halbe Nacht. Weil es schon sehr
spät für ihren Heimweg war, nahm sie das Angebot
eines Gästezimmers von ihm an.
Wird Alex für Nele
Unterstützung erhalten?
Wie geht es mit Ann Brit und Alex weiter?
Fortsetzung folgt
Nele - Sie sind auch grün
Als die beiden Streifenpolizisten gegangen sind räumte Alex seine Küche auf. Die benutzten Tücher verschwanden im Feuer, die zerbrochenen Becher in einem Pappkarton neben der Küchentür, der als Mülleimer diente, danach wischte er Tisch und Boden fein säuberlich auf.
Oft hielt er in seiner Arbeit inne, lauschte, ob er etwas aus dem Nebenzimmer hören würde. Nachdem die Küche wieder nutzbar war, lehnte er am Türrahmen, rauchte dabei eine Zigarette und beobachtete das kleine Menschenbündel, das in seinem grossen Bett buchstäblich verschwand.
Noch nie zuvor hatte er eine so junge Drogenabhängige gesehen und er war schon lange in dem Metier. Diese Tatsache stach ihm mitten ins Herz. Er musste unweigerlich für einen kurzen Augenblick an seine eigene Vergangenheit denken. Abrupt drehte er sich zur Küche hin um, so, als ob er den Gedanken wegkatapultieren wollte.
In der Küche nahe dem Ofen stand eine alte Küchenbank. Als er sich dort sein Schlafgemach richten wollte, hörte er Geräusche aus dem Nebenzimmer.
Nun geht es los, dachte er bei sich und schnappte sich einen Eimer, den er sich schon nach dem Bodenwischen bereit gestellt hatte. Er hievte den schwachen Oberkörper der Kleinen nach oben und sie begann sich zu übergeben.
Alex wusste, was nun kommen wird. Die Hölle. Für ihn und für die kleine Unbekannte in seinen Armen. Nach sechs harten Tagen war der Drogenentzug, den Alex begleitete, von ihr durch.
Alex galt in der Region als der, der sich auskannte und viele baten ihn um Unterstützung. Staatliche Therapieplätze waren Mangelware und Alex war einer von "ihnen". Ein Ehemaliger zwar, aber einer von "ihnen". Er verstand ihre Sprache, ihre Sorgen und Nöte.
Sie schlief unruhig, ihr Gesicht sehr blass, ihr Atem heftig und sie hatte immer noch keinen Namen. Er wandte sich mit der Geschichte des Mädchens an Freunde und bat um Mithilfe. Denn ihm wollte kein Name einfallen, so sehr er auch darüber nachdenken wollte. Insgeheim gestehte er sich ein, dass er vielleicht mehr schlecht als recht einen Drogenentzug begleiten könnte, aber Namen verteilen? Das schien nicht sein Ding zu sein.
Endlich!
Eine Freundin schlug ihm einen Namen vor und dieser gefiel Alex sogar selbst. Nein, es war eher die Hintergrundgeschichte der Namensgebung, die ihn veranlasste genau diesen zu nehmen.
Von nun an sollte die kleine Unbekannte Nele heissen.
Alex war erleichtert, denn er war noch nie in seinem Leben in einer Situation, in der er mit einem namenlosen Menschen zu tun hatte. Er wusste aus seiner Erfahrung heraus, dass Nele nach dem Entzug ein klein wenig leichte Nahrung zu sich nehmen musste und kaufte von seinem letzten Geld Haferflocken und Eier.
Er war seit er denken kann immer knapp bei Kasse. Einmal musste das Dach, das andere Mal die Wasserleitung repariert werden oder auch der Kaminfeger kam und wollte sein Geld. Als der Brei für Nele fertig auf dem Tisch stand, ging Alex in das Zimmer in dem sie auf dem Bett leise vor sich her weinte. Er kniete vor ihr auf dem Boden, nahm ihre kleine in seine riesige Hand und schaute sie nur an.
Leise sagte er das erste Mal ihren neuen Namen:
“Nele? Ich habe Essen gekocht. Magst?”
Nele schaute ihn mit grossen Augen an und die Tränchen kullerten ihr nun noch dicker die Wangen hinunter. Sie löste ihre kleine Hand aus der seinigen und legte ihre beiden abgemagerten, zerstochenen, mit Blutergüssen übersäten Ärmchen um seinen Hals. Alex wusste nicht so recht was er nun tun sollte, denn ein Kind hatte er noch nie im Arm. Instinktiv legte er seine beiden Arme um sie und trug sie in die Küche.
Dort liess er Nele auf dem Stuhl nieder. Zaghaft schauten sich ihre immer noch mit dunklen Rändern umrahmten Augen in der hellen Küche um. Danach nahm sie den Teller und wollte den Brei auslecken. Alex stoppte sie, indem er den Teller festhielt und sagte, sie solle doch den Löffel nehmen. Irgendetwas schien mit ihr nicht zustimmen, denn sie hielt krampfhaft den Teller fest, beugte ihren Kopf zum Brei und begann ihn aufzulecken. Alex liess den Teller los und setzte sich ihr gegenüber.
“Warum nimmst du nicht den Löffel?”
Nele liess sich nicht beim Brei schlecken stören. Alex beugte seinen Kopf bis fast auf die Tischplatte und versuchte ihr in die Augen zu schauen.
“Ey, die sind ja grün! So wie meine.”
Da schaute sie ihn mit Breiverschmierten Mund an und grinste. Das erste Mal reagierte sie mit einem Lächeln auf Alex und bevor ihm vor Freude die Tränen in die Augen schiessen konnten, klirrte der Teller auf den Tisch und zerbrach. Nele begann wie von Sinnen an zu schreien und verkrampfte sich am ganzen Körper. Alex eilte zu ihr hin, wollte sie in den Arm nehmen, sie beruhigen, doch sie war wie weggetreten. Alex verfolgte ihren starren Blick, der in Richtung Kommode ging und sah den Auslöser am Boden liegen.
“Bir, ab!”
Zischte Alex durch die Zähne und der Hund trottete ohne Widerwillen sofort aus der Küche. Alex hatte einige Zeit zu tun, bis Nele sich beruhigen konnte, danach schlief sie in seinen Armen ein.
Bir war der Hund von Alex. Ein Findelhund, wahrscheinlich so alt wie Metusalem und aufgrund seiner Vorgeschichte eher ein Freiheitsliebender, als ein Hund, der das Sofa vorziehen würde.
Normalerweise ist Bir nie im Haus, warum ausgerechnet jetzt? Jetzt, wo die Kleine da war?
Die Nacht verlief seit Tagen das erste Mal etwas ruhiger und am nächsten Morgen winkte sogar die Sonne als Begrüssung durch die Fenster.
Nele konnte oder wollte nicht mehr ohne Alex. Überall wo er hinging, hing sie ihm an den Fersen. Erschreckt hatte Alex feststellen müssen, dass Nele kaum Zähne im Mund hatte und die, die noch vorhanden waren, waren schwarz vor Fäulnis und stanken entsprechend. Er schätzte sie auf ungefähre acht Jahre.
Nele sprach nichts. Kein Wort. Dafür sprachen ihre Augen Bände. Alex wusste in wenigen Tagen, ob Nele sich wohl- oder unwohlfühlen würde. Er brauchte nur ihre Augen betrachten.
Irgendetwas geschah mit Alex. Was, das konnte er nicht ausdrücken. Doch wenn Nele bei ihm in der Nähe war, wenn es ihr gut ging, war in ihm eine unbeschreibliche, nie zuvor dagewesene innerliche Ruhe, die er so noch nie kennengelernt hatte. Ging es Nele schlecht, litt Alex derartig, dass im jedes Mal speiübel wurde.
Nun hiess es neben den anderen Aufgaben auch, Neles Zähne richten zu lassen, denn ihr Zustand war einigermassen stabil und bevor sie in die Schule ging, sollte doch mit ihr alles in Ordnung sein. Hinzu kam noch, dass die Eltern von ihr gefunden werden mussten. Es gab dementsprechend noch einiges zu tun.
Die Odysee mit den Behörden nahm ihren Lauf.

Nele wurde nun bei der örtlichen Polizeibehörde von
ihm als “aufgefunden” gemeldet, das Jugendamt
weigerte sich, die Kosten für einen Zahnarzt,
geschweige denn für einen Allgemeinmediziner zu
übernehmen. Die Schulbehörde verwies Alex zum
Jugendamt und dieses wiederum an die Polizei. Denn
solange die Eltern nicht ausfindig gemacht wären,
liefe gar nichts.
Alex kannte sich aus mit den Ämtern und baute sich im
Laufe der Jahre recht gute Kontakte auf. Die brauchte
er auch, weil sich so manch Drogenabhängiger bei ihm
verirrte und Alex liess niemanden nach dem Entzug ins
kalte Wasser springen.
Von A wie Arbeitssuchender bis Z wie Zuzahlungen für
Miete. Alex kannte jedes Formular, das einem Menschen
einen neuen Start ins Leben schenken könnte. Doch
dieses Mal schien sich jeder gegen ihn verschworen.
Nichts schien sich bewegen zu lassen, für sein
Findelkind
Nele
-
und dann streikte noch sein alter franzöischer
Kastenwagen.
Wird Nele weiter auf
den Hund so panisch reagieren?
Sind die Reaktionen der Behörden Hilflosigkeit oder
Willkür?
Fortsetzung folgt
Nele - Birde und Alex
Nele - eine Geschichte von einem Mädchen,
das sich in dieser Welt verlor und wiedergefunden ward. Wahr? Unwahr?
Wer weiss das schon so genau.
Horst und Ann Brit fuhren schweigend den holprigen Weg herunter auf die Hauptstrasse des kleinen Dorfes, in dem Alex wohnte, um zurück nach Zürich zu gelangen. Denn schliesslich war ihr Dienst noch nicht beendet.
“Horst?”
“Ja?”
“Dürfte ich dich etwas persönliches fragen?”
“Ja, schiess los.”
“Wie lange kennst du diesen Alex schon?”
“Wir waren einmal zusammen beim Militär. Sogar in einer Einheit. Warum fragst du?”
“Nur so...”
Horst grinste in sich hinein, schaute dabei seine Kollegin unbemerkt von der Seite an.
“Wir fahren nun wieder nach Zürich rein, unsere normale Streife fahren und wir beide müssen die Klappe halten. Ich werde auch den Streifenbericht auf meine Kappe nehmen.”
Ann Brit nickte nur, schaute aus dem Fenster hinaus. Hinaus in die Dunkelheit. Lichterfetzen aus der im Tal liegenden Stadt schossen in der Dunkelheit vorbei, doch sie nahm diese nicht wahr. Ihre Gedanken wanderten zu dem gefundenen Mädchen und dem Mann, der sie in seinen starken Armen zum Ausschlafen in sein eigenes Bett gelegt hatte.
Nach Dienstschluss standen Horst und Ann Brit auf der steinernen Treppe, die hinauf ins Polizeipräsidium führte. Horst spielte mit seinem Autoschlüssel und sah seine Kollegin sorgenvoll an.
“Was ist mit dir?”
“Nichts. Lass gut sein.”
“Du, dir ist doch etwas, komm, was ist los? Hat dich das alles heute so mitgenommen?”
“Wer ist dieser Compo?”
Ann Brit schaute zu Horst nach oben. Dieser verzog seine Stirn in Falten und rollte mit den Augen. Er legte seinen Kopf auf die Seite und holte eher genervt tief Luft:
“Ein im ganzen Land bekannter Loddel. Einer von den ganz Grossen. Vor dem geht sogar der Staatsanwalt in die Knie. Man merkt an solchen Fragen, dass du noch nicht lange auf dem Asphalt fährst und nicht aus unserer Gegend stammst.”
Zwinkert nahm Horst Ann Brit in seinen rechten Arm und zog sie von der Treppe.
“Komm, ich lad dich noch zum Italiener ein, damit du auf andere Gedanken kommst.”
Ann Brit liess sich von ihm mitziehen. Die Pizzeria lag direkt gegenüber und alle vom Präsidium waren dort mehr oder weniger Stammgast. Bei einem Glas Roten und einer Pizza begann Horst seine gemeinsame Geschichte mit Alex zu erzählen.
Alex sei einer von den ganz schlimmen Jungs in der Stadt gewesen, war teilweise seit Kindesbeinen an mit dem Milieu vertraut, war voll auf Drogen, hielt es nie zu Hause aus, wechselte ständig die Heimplätze. Er war als echt harte Schläger gefürchtet und wenn etwas im Milieu aufgeräumt werden musste, war Alex immer dabei. Man erzählt sich, dass irgendwann einmal in dieser Zeit eine Stadtbekannte Prostituierte aus dem Milieu ausgestiegen sei und bei der Bahnhofsmission gestrandet sei. Birde, wie sie hiess, wäre “bieder” geworden. Wie es im Milieu hiess und als Alex sie beim missionieren anbaggerte und abschleppen wollte, hätte sie ihn derartig vermöbelt, dass ihm hören und sehen vergangen wäre.
Horst konnte sich ein breites Grinsen beim Erzählen nicht verkneifen.
“Du hast das doch nicht alles miterlebt, oder?”
“Nein, aber frag mal die alten Kollegen! Die Geschichte ist so alt, wie unsere Alpen.”
“Wie ging es weiter?”
“Alex wurde einmal von Birde verhauen und zwar so, dass er...”
Weiter kam Horst mit dem Erzählen nicht, denn ein Kollege kam an den Tisch und setzte sich einfach zu den beiden.
“Na, wie läuft es bei euch?”
“Gut, danke. Horst erzählt mir eben die Geschichte von Birde.”
Zafer, der beim Einbruch sein zu Hause hatte, lachte laut auf und beugte sich zu Ann Brit. Schaute sie spitzbübisch an und nippte an seinem Bierglas.
“Birde? Ihr quatscht über Birde?”
Wieder erklang sein Lachen. Zafer drehte sich zum Tresen hin und rief:
“Es ist kein Liebesgeflüster zwischen den beiden, es ist nur Birde!”
Wie auf Kommando traten weitere fünf Kollegen, die am Tresen standen, an den Tisch von Horst, Ann Brit, Zafer und alle rutschten nun am Tisch zusammen.
“Die Geschichte ist so alt wie unsere Alpen”, begann Zafer. “Birde war damals die Asphaltstute schlechthin, wurde leider bieder, nein, sie wurde sogar fromm! Eine Betschwester!”

Zafer lachte hämisch
laut auf und die Kollegen schütteten sich mit aus vor
Lachen. Zafer erhob den Zeigefinger in die rauchige
Luft und setzte überdurchschnittlich laut
fort:
“Die hat den Alex,
den, der heute oben auf dem Berg lebt und einen auf
Sozial macht, seine Schelchtigkeiten
ausgetrieben.”
Ein anderer am Tisch
warf sarkastisch ein:
“Aber glaub nicht,
dass die das mit der Bibel gemacht hat!”
Wieder ein
gröhlender Lachanfall der Anwesenden. Vor lauter
Lachen liefen Zafer die Tränen die Wangen hinunter
und er lallte:
“Aber sie hat aus
ihm einen anständigen Bürger gemacht...!”
Das Wort “anständig”
sagte Zafer jedoch derartig herablassend, dass
Übelkeit in Ann Brit hochstieg.
“Alex wohnte dann
bei Birde und ging von da an noch einmal zur
Schule,” sagte Horst mit
ruhiger Stimme in die Runde ein. “Er schaffte seinen
Abschluss und rekrutierte vier Tage danach beim
Militär. Birde zog es irgendwann wieder ins Milieu
und nach dem Militär verlor sich der Kontakt zwischen
ihm und mir.”
“Aber er wohnt doch
hier?”
“Ja, ja, wieder
einmal,” warf Zafer
ein, “weil auch er nicht
von allem los kann. Nur irgendwer hat ihn in seiner
Abwesenheit aus unserer schönen ruhigen Stadt eine
Hirnwäsche verpasst, denn wie sonst kommt so einer
wie der dazu den Abschaum von der Strasse abzukratzen
und wieder hochzupäppeln?”
Ann Brit verstand
den Hass des Kollegen nicht, den sie aus seiner
Stimme herauszuhören vermochte. Sie stand auf und
Horst folgte ihr. Horst zahlte am Tresen und beide
verliessen die Pizzeria. Ann Brit holte in der kühlen
Nacht erst einmal tief Luft und murmelte traurig,
eher fragend:
“Warum lachen sie
über ihn?”
Horst schaute sie
erstaunt an, legte seinen Kopf ein wenig zur Seite:
“Hey, was
interessiert dich eigentlich so an Alex? Hast dich
wohl verschossen!”
Bevor sie antworten
konnte, verabschiedete sich Horst von ihr. Sie hatten
nun beide eine volle Woche Dienstfrei und sie wusste,
Horst hatte sich in den kommenden freien Tagen als
Radsportbegeisterter eine Tour in die nahegelegenen
Alpen eingeplant.
Langsamen Schrittes ging sie zu ihrem Auto und fuhr
nach Hause.
Wie wird die Radtour
von Horst in den Alpen verlaufen?
Was wird Ann Brit in ihren freien Tagen erleben
müssen?
Was wird aus dem Mädchen, das bei Alex untergebracht
ist?
Fortsetzung folgt
Nele
Nele - eine Geschichte von einem Mädchen,
das sich in dieser Welt verlor und wiedergefunden ward. Wahr? Unwahr?
Wer weiss das schon so genau.
Die zwei Polizisten standen Nachts um Drei vor Alex`s hölzerner und schon vom Alter sichtbar gezeichneten Eingangtür. Eine Klingel gab es nicht, dafür eine Kuhglocke, mit einem Strick.
Horst nahm den Strick und schüttelte die Bleikugel, die mit lautem Getose an den Glockemantel stiess. Seine Kollegin Ann Brit schaute gebannt auf die Tür und lauschte nach drinnen.
“Versuche es noch einmal!”
Horst bemühte den Strick noch einmal. Das Geläute verhallte und dann endlich schimmerte ein schwaches Licht durch das kleine Fenster, das im Türblatt sein Dasein fristete. Türschanieren knarzten. Ein Schrank von Mann stand sichtlich verschlafen im Türrahmen, seine linke Hand hielt ein Handtuch. Ann Brit war sichtlich erschrocken und wich einen kleinen Schritt zurück, ihre Augen starrten auf den Mann im Rahmen. Mit einem Schwung Whiskeygeruch kamen Horst und seiner Kollegin ein:
“Ey, was gibt`s?”
“Alex, wir brauchen dich!”
“Jetzt?”
“Ja, jetzt.”
“Ey, kommt erst mal rein, Kaffee?”
Alex verschwand im Dunkel des Ganges, Horst folgte ihm, Ann Brit schlich eher mit Unbehagen hinter ihrem Kollegen her.
“Im Grunde haben wir keine Zeit für ein Kaffeekränzchen, Alex!” sagte Horst mit dringender Tonlage in der Stimme.
“Ey, du kommst hier Nachts angekrochen, ich muss erst mal wach werden! Ansonsten kannst du dich mit deiner Schnepfe gleich wieder verpissen.”
Alex legte Holz in den Küchenofen, stellte einen Wasserkessel auf die Platte und verschand hinter einem feingeschnitzten Türbogen.
“Wo finde ich die Tassen?” sagte Ann Brit in Richtung des Raumes hinter der Küche, in dem Alex verschwunden war.
“Lass es gut sein, habe sie gefunden! Trinkst du schwarz, mit oder ohne...”
Weiter kam sie nicht, denn Alex stand mit einer Jeans gekleidet mitten in der Küche und fiel ihr ins Wort.
“Schwarz.”
Er zündetet sich eine Zigarette an und setzte sich an den wackeligen Küchentisch und schaute Horst an:
“Was gibt`s, was ihr nicht auf die Reihe bekommt und mich dafür Nachts aus dem Bett holen müsst?”
Ein Hustenanfall von ihm liess auf die Antwort von Horst warten.
“Das klingt nicht gut, nur so nebenbei, mein Freund. Also, wir haben eine kleine Göre im Auto. Pulle hat uns angerufen. Sie lag seit einigen Stunden an seiner Tanke auf dem Parklatz und wir dachten, weil du dich ja auskennst, wir bringen sie erst zu dir.”
“Tickt ihr noch ganz richtig?” raunzte Alex Horst an.
Ann Brit stellte drei Tonbecher auf den Tisch, schenkte den gebrühten Kaffee ein, schob den beiden Männern je eine hin und stellte die Kanne mitten auf den Tisch.
Horst entgegnete Alex: “Klar, wir hätten sie in der Klinik abgeben können, doch Pulle meinte, sie wäre eine Kleine von Compo.”
Alex trank einen grossen Schluck aus dem Becher, drückte seine Zigarette in einer alten in der Mitte abgeschnittenen Bierdose, die Augenscheinlich als Aschenbecher diente, aus. Die beiden Männer standen fast synchron vom Tisch auf und gingen nach draussen Richtung Streifenwagen. Horst öffnete die hintere Tür und auf dem Rücksitz lag eine Gestalt. Alex schob den Kopf in den Wagen, griff mit seiner Linken in die Hosentasche und friemelte eine kleine Taschenlampe heraus. Im fahlen Lichtkegel sah ihn ein kindliches Gesicht, schneeweiss im Teint, mit dunklen Augenringen an. Alex schreckte leicht zurück und zog seinen gebückten Oberkörper wieder aus dem Wagen heraus. Fast schrie er Horst an:
“Das ist ja noch ein Kind!!”
“Ja und sie soll bei Compo laufen.”
Alex zog die Kleine von der Rücksitzbank in seine Arme heraus. In seinen muskulösen Oberarmen verschwand das Mädchen beinahe. Alex betrat mit dem Kind in seinen Armen seine Küche, stellte sich auf sein linkes Bein, schwang das rechte Bein in die Höhe und räumte mit einem Fusschwung den Küchentisch ab. Becher, angeschnitte Bierdose und der Kaffeekessel fanden sich am Boden wieder. Ann Brit versuchte sich mit einem Sprung vom Stuhl Richtung Küchenanrichte zu retten. Fast zärtlich legte Alex das Mädchen auf den Tisch und riss ihr die verdreckte, zerschlissene rosafarbene Hose vom Leib. Ann Brit erstarrte und Horst traute sich nicht zu atmen. Vor ihnen lag ein völlig abgemagerte kleiner Mädchenkörper, der mit roten Punkten, Blutergüssen, blauen Flecken übersät war. Alex puhlte ihren Oberkörper aus dem verlöcherten und nicht minder sauberen Pullover. Auch hier bot sich ein Bild der Unmenschlichkeit. Es gab keine Körperstelle, die nicht von Einstichen oder offensichtlichen Spuren von körperlichen Gewalt frei war.

Der Gesichtsausdruck von Alex liess zu tiefste
Abscheu und Hass erkennen. Er ging an die
Küchenanrichte und kramte eine Waschschüssel, Seife
und Tücher aus einem der Schränke. Ann Brit legte
neues Holz auf uns fischte einen grossen Topf aus
einem Gestell an der Wand. Alex ging mit dem Topf,
den ihr Ann Brit in die Hand drückte, weil sie keinen
Wasserhahn in der Küche fand, hinaus. Nach einigen
Minuten kam Alex mit dem mit Wasser gefüllten Topf
unter dem Arm wieder in die Küche und stellte ihn auf
eine Herdplatte. Ann Brit sass nun am Küchentisch auf
einem Stuhl und hielt dem Mädchen die Hand. Dabei
schüttelte sie mit Tränen in den Augen immerwährend
ihren Kopf.
“Sowas kriegst du
nicht auf deiner feinen Polischule gelernt,
was?” sagte Alex fast
zynisch in den stillen Raum und zu Horst:
“Du kannst Compo
sagen, wenn ich ihn erwische, ist er reif. Man
schickt keine Kids auf den Strich!”
Das Wasser im Topf
machte sich bemerkbar und Ann Brit schüttete einen
Teil in die Waschschüssel um. Alex stellte die
Schüssel auf einen Stuhl, den er sich ganz nahe an
den Tisch schob, tunkte Tuch für Tuch in die Schüssel
und rieb die Tücher mit der Seife ein. Vorsichtig
strich er der kleinen Unbekannten den verkrusteten
Schmutz von ihrer Kinderhaut. Ann Brit machte sich
wortlos mit der alten, schon Rostangesetzten Schere,
an die langen Haare und schnitt Büschel für Büschel
ab. Lange, blonde, verfilzte Haarbüschel zierten nun
den Fussboden um sie herum. Alex verschwand im Gang
und kam mit einem Shirt von ihm in der Hand zurück.
Ann Britt streifte dem langsam aufwachenden
geschundenen Körper das Shirt über, Alex hielt die
Kleine in seinen Armen. Danach hob er sie hoch und
verschwand im hinteren Raum.
Horst zündete drei Zigaretten an und übergab seiner
Kollegin und Alex eine. Schweigend standen nun drei
rauchende Erwachsene in der Küche.
Fortsetzung
folgt.


